Historisches

Liebenzell vor 100 Jahren

Nach einer Zeit bitterer Armut ging es in der zweiten Hälfte des 19. Jh., besonders nach dem dt.-frz. Krieg (1870/71) wieder aufwärts in Liebenzell mit seinen rund 1000 Einwohnern.Die Talstraße und die Nagoldtalbahn von Calw nach Pforzheim wurden gebaut. Ein Verschönerungsverein legte Spazierwege in und um Liebenzell an und stellte Ruhebänke auf.Die ersten Wasserleitungen und die Kanalisation wurden gebaut, die Ortsstraßen verbessert und erstmals Gehwege angelegt. Der Einrichtung einer öffentlichen Telefonzelle folgte der Bau des städtischen Elektrizitätswerkes: Am 01.07.1903 erstrahlte Liebenzell in elektrischer Beleuchtung!Der Apotheker Carl Mohl erinnerte damals seine Mitbürger daran, dass vor 300 Jahren Stadt und Amt Liebenzell, zusammen mit Stadt und Amt Altensteig, württembergisch geworden waren.So kam die Idee auf, den württembergischen König einzuladen, um ihn auf diesen schönen Teil seines Landes aufmerksam zu machen. Schultheiß Hugo Mäulen schrieb eine Einladung.

Am 29.05.1904 besucht König Wilhelm II. Liebenzell

Die Straßen waren mit Tannenbäumchen geschmückt, die Häuserfassaden festlich herausgeputzt. Das Städtle strahlte mit der Sonne um die Wette, als am 29.05.1904, Punkt 9:25 Uhr der Sonderzug des Königs in den Bahnhof einfuhr. Alle 14 Ortschaften des ehemaligen Amts Liebenzell bereiteten dem König einen würdevollen Empfang. Nach feierlichen Ansprachen und der Teilnahme am Festgottesdienst konnte der König einen prächtigen Festzug bestaunen, von dem er so begeistert war, dass er zweimal an ihm vorbeiziehen durfte.Bevor König Wilhelm II. um 12:40 Uhr wieder Richtung Stuttgart fuhr, bedankte er sich herzlich bei den Gastgebern für den schönen Empfang. Er sagt u.a.: „Wem geht nicht das Herz auf im herrlichen Schwarzwald inmitten der Schwarzwälder?... Es ist mein landesväterlicher Wunsch, dass es den 14 Gemeinden allezeit gut und wohl ergehe und dass sie glückliche Zeiten erleben mögen.“ (Kh und ast)

 

Die Familie der Liebenzeller

 

Über eine Zeitspanne von etwa 80 Jahren kam der Familienname Liebenzeller in Straßburg vor.

Ab 1253 nannte sich ein Straßburger aus einer Familie des niederen Adels mit Namen Reimbold Virnkorn Reimbold Liebenzeller.

Im Jahre 1332 lässt sich der letzte dieses Geschlechts, ebenfalls mit Namen Reimbold, nachweisen.

  • Wer waren die Liebenzeller in Straßburg?
  • Bestanden Verbindungen zu den Rittern der Burg Liebenzell?
  • Wie kam es zu der Namensgebung?
  • Der Heimatforscher Rudolf Bürkle, gebürtiger Liebenzeller, entdeckt in einer Schrift Karl Greiners d.Ä. aus dem Jahre 1951 einen kleinen Artikel über die Familie der Liebenzeller.
  • In „Ottfried Neubacher: Die bürgerlichen Geschlechter Österreichs, Deutschlands und der Schweiz“ stieß er auf das Wappen der Familie Liebenzeller:

     

     

     

     

     

     

     

    Greiner zitiert aus dem Oberbadischen Geschlechterbuch von Kindler von Knobloch

    (II, S. 506): „Die Liebenzeller, eines der mächtigsten Ministerialiengeschlechter der Bischöfe von Straßburg, aus der Sippe der Zorn und nächste Verwandte der Turant und Virnkorn, schrieben sich von dem Städtchen Liebenzell im württembergischen Oberamt Calw, scheinen aber zu den Edlen von Liebenzell, Stammes- und Wappengenossen der Pfau von Rüppur, nicht in Beziehung zu stehen. Conradus Virnkorn 1220, urkundet 1247 mit zwei Söhnen des Namens Reimbold, von denen der eine später den Namen Liebenzeller annahm.“

     

    Hier also taucht der Name Liebenzeller erstmals auf und von da an finden wir Träger dieses Namens teils als Ratsmitglieder, teils als Stättmeister der Reichsstadt Straßburg.

     

    Weiterhin ist nachweisbar, dass 1255 König Wilhelm den Grafen von Waldeck beauftragte, den Grafen Reimbold Liebenzeller für seine treuen Dienste in Reichsangelegenheiten mit Gütern in Traenheim (Elsass) zu belehen (Oberbadisches Geschlechterbuch von Kindler von Knobloch).

    Ein Reimbold Liebenzeller wird als Anführer der Bürgerschaft im Kampf des Bischofs Walter von Geroldseck gegen die Straßburger Bürger (1260 - 1263) genannt. Auf Grund des Sieges wurde ihm in Straßburg eine Bildsäule errichtet (Dr. Rauschnick, Geschichte der Geistlichkeit im Mittelalter, 1842, S. 167 ff.).

     

    Karl Greiner vermutet, dass wenigstens ein Glied der Straßburger Familie Liebenzeller auf der Burg sesshaft gewesen sein muss. Leider konnten bis jetzt keine urkundlichen Nachweise erbracht werden. Sicher ist aber, dass rege Beziehungen zwischen den Ebersteinern und dem Markgrafen Hermann V. von Baden, Schwiegervater Eberhards V. von Eberstein zum Bischof Berthold von Straßburg bestanden haben. Durch diese Beziehungen wäre es möglich gewesen, dass einer der bischöflichen Ministerialien für einige Zeit das Amt des Burgvogts in Liebenzell bekleidet hat.

    Lehensherr der Herren von Liebenzell war ein Neffe Eberhards V., Graf Simon von Zweibrücken und von Eberstein (Württ. Urk. Buch VII, Nr. 2301, S. 212).

    Einer seiner Lehen, Reinhard, ist der erste nachweisbare Vertreter, der sich nach der Burg nannte: Reinhard von Liebenzell. Dies bezeugt eine Urkunde des Klosters Maulbronn vom Jahre 1250 (Württ. Urk. Buch IV). Nach Reinhards Tod (1259) tritt sein Bruder Ludwig das Lehen an. Graf Simon nennt Ludwig seinen „getreuen Ritter“ (Württ. Urk. Buch VIII, Nr. 3038, S. 268).

    Ab 1274 wird Ludwig als Edelmann bezeichnet. Greiner meint, dass Ludwig als Edelfreier die Burg als Eigentum erworben haben könnte, zumal die Ebersteiner damals in wirtschaftliche Not geraten waren und sich von einem Teil ihres Besitzes trennen mussten.

    1253, drei Jahre nachdem sich die Ritter nach der Burg Liebenzell nannten, taucht der Name erstmals in Straßburg auf. Dies lässt auf die vorgenannten Beziehungen schliessen.

     

    Evtl. lassen sich genauere Aufschlüsse über das Geschlecht der Liebenzeller in den Straßburger Archiven finden. Hier sei nur erinnert, dass der Name unserer Burg und unseres Ortes, wenn auch nur für kurze Zeit, ein Familienname war. (Kh)

     

     

     

    Der Adler in Liebenzell

     

    Das heutige Hotel und Restaurant Adler in Bad Liebenzell ist eines der ältesten und bedeutendsten Wirtshäuser in der Kur- und Badestadt. Leider ist die genaue Jahreszahl der Grundsteinlegung nicht mehr feststellbar, doch zeigt eine Lithografie aus dem Jahre 1700 bereits das Gebäude des heutigen Hotel und Restaurant Adler.

    Die Geschichte dieser alten Wirtschaft ist von Ende des 19. Jahrhunderts an interessant, als es von Familie Schönlen geführt wurde. Damals war der Adler eine Fuhrmannswirtschaft. Langholzfuhrwerke, noch von Pferden gezogen, machten im Adler Rast, denn dort gab es Stallungen für 12 Pferde.

    Als durch den Bau der Eisenbahnlinie (1874) von Calw nach Pforzheim Liebenzell aus einem längeren Dornröschenschlaf erwachte und wieder ein Aufschwung im Fremdenverkehr begann, erfasste der Adlerwirt Schönlen schnell die Lage und baute an sein Wirtshaus einen Saal samt Theaterbühne an. Auch Umkleidekabinen für die Darsteller wurden nicht vergessen.

    Eine Besonderheit war auch die Gartenanlage. Die Gartenwege schlängelten sich um immergrüne Büsche und luden zum Flanieren ein. Auch eine Gartenhalle wurde im großen Garten errichtet. In dieser Halle wurde – als Sensation auch für die Liebenzeller Bürger – ein mächtiges Orchestrion aufgestellt. Im ersten Stock dieser Gartenhalle wurden Zimmer errichtet, in denen die Saisonkräfte Unterkunft fanden.

    Eine Besonderheit, die v.a. von den Kurgästen geschätzt wurde, war damals die Einrichtung eines Telefons. Der Adler bekam die Nummer 5.

     

    In den legendären 20er Jahren fanden im Theatersaal Tanzveranstaltungen statt. Wer noch nicht tanzen konnte, konnte es lernen. Die Tanzschule Kehle aus Pforzheim gab Kurse.

    Auch waren in den 20er Jahren sogenannte Wanderkinos in Mode. Vorwiegend die Firmen Maggi und Persil führten im Adlersaal Werbefilme vor, stellten ihre Produkte vor und verteilten Proben.

    Im Jahre 1904 besuchte König Wilhelm den Badeort. Von nun an ging es erneut bergauf im Städtle.

    Um den zahlreichen Gästen eine zusätzliche Attraktion zu bieten spielte in den Sommermonaten das Stuttgarter Landestheater die unterschiedlichsten Stücke im Festsaal des Adlers.

    1912 ging der Adler in andere Hände über. Wirtsfrau Schönlen, inzwischen verwitwet, verkaufte das Anwesen an Herrn Oskar Bott aus Wildbad, von Beruf Koch.

     

    • Im Adler fand sich ein Schreiben der Witwe Schönlen mit Datum vom 10. Februar 1912.
  • Beigelegt ist eine „Consum-Zusammenstellung“, in der auch die Einschätzung der Brandkasse und die Mobiliarversicherung angegeben ist. 9300 Stück Zigarren und 8400 Stück Zigaretten wurden verbraucht und 10000 Stück Ansichtskarten verkauft.
  • Am eindrucksvollsten ist die Aufstellung „Verbrauch an Fleisch“:

    40 Rehe  Mark 874,-;  Ochsen-, Kalb-, Schweine- und Hammelfleisch   Mark 11 270,54;

    Geflügel   Mark 1891,-.

    Als Getränke sind u.a. aufgeführt: rund 8000 Flaschen Mineralwasser bzw. Sprudel verschiedener Quellen; 6380 Stück Limonade und Sodawasser aus eigener Herstellung; rund 18500 Liter Bier; 500 Flaschen Wein à Mark 2 – 6; 300 Flaschen Champagner à Mark 6 – 8;

    200 Liter Liköre und Spirituosen.

    Frau Schönlen schreibt, dass 3 Mal pro Woche Theateraufführungen und 1 – 2 Mal pro Woche Tanzvergnügen stattfinden.

     

    Am 20. Mai 1906 unternahm der Beamtensingchor des ADVV in Stuttgart einen Ausflug nach Liebenzell.

    Ein Tagesplan listet die einzelnen Ausflugspunkte auf.

    Nach einer Wanderung durchs Monbachtal, einem Vesper im Hirsch in Monakam, Kaffeetrinken auf dem Kaffeehof („hübscher in einer Lichtung liegendes Forsthaus mit freundlichen Anlagen. Schöne Aussicht – Kaffee, Milch, Honig.“) war das Mittagessen um 13:30 Uhr im Gasthaus Adler geplant: Brieslessuppe, Schlachtbraten mit Spätzle, Schnitzel, Windbeutel, Gemüse, Dessert. Nach Tisch gemütliches Beisammensein.

    Danach wird ein Ausflug in den Kurpark oder auf die Burg empfohlen („die Ruine zählt zu den schönsten in Württemberg“).

     

    Während des Krieges quartierte sich ein Pforzheimer Rüstungsbetrieb, die Firma Kasper, im Saal des Adler ein, während im Hotel selbst alle Zimmer belegt waren mit Kindern aus der Kinderlandverschickung. Im Schwarzwald suchten sie Zukunft aus den bombengefährdeten Gebieten.

     

    Nach Kriegsende wurden die Zimmer mit französischen Kindern belegt und die Maschinen der Firma Kasper nach Frankreich abtransportiert.

     

    Oskar Bott hat sich bald nach Kriegsausbruch aus dem Geschäftsleben zurückgezogen. Sein einziger Sohn, ebenfalls Koch, war in Russland vermisst. Seine Tochter heiratete einen Karlsruher Geschäftsmann. Bott blieb aber im Adler wohnen und hatte ein Auge auf seinen ersten Pächter mit Namen Wiedenkorn, der das Lokal über die gesamte Kriegszeit führte.

    Nach dem Krieg wechselten die Pächter öfter. Für die Kurgäste und Liebenzeller Bürger brachten die Kinoveranstaltungen eine willkommene Ablenkung in der schweren Nachkriegszeit. Die Tanzveranstaltungen wurden ins neu gebaute Kurhaus verlagert und ein „richtiges“ Kino wurde schräg gegenüber dem Adler gebaut.

     

    Der Adler in Liebenzell, eines der wenigen bestehenden Hotels und Restaurants in deutscher Hand ist immer noch in Händen der Familie Bott.

     

     

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